Familienzusammensein

Schlaf Kindlein, schlaf!

Wie können Eltern ihre Kinder dabei am besten unterstützen?

Schlafen ist ein zentrales Bedürfnis des Menschen und gleichzeitig auch immer wieder eine Herausforderung – vor allem für Eltern.

 

Die Physiologie des Schlafes

Schlaf ist ein sehr komplexer physiologischer Prozess, der nach genauen Regeln abläuft und noch immer Gegenstand intensiver Forschung ist. Er hat sowohl Auswirkungen auf das Bewusstsein als auch auf Aktivitäten im Wachzustand. Am Schlafprozess sind verschiedene Gehirnregionen beteiligt.

Der Verlauf der Schlafperiode wird in verschiedene Stadien untergliedert: in die sogenannten NonREM- und REM-Phasen (Rapid Eye Movement).

Den NonREM-Phasen wird Bedeutung hinsichtlich der körperlichen Erholung als auch der Gedächtnisbildung zugeschrieben. Der REM-Schlaf wird als zentral für die Entwicklung des zentralen Nervensystems angesehen und er hat darüber hinaus Einfluss auf die emotionale Befindlichkeit im Wachzustand.

Mit Hilfe des EEG (Elektroencephalogramm) können verschiedene Hirnaktivitäten auch in Hinblick auf Schlafen gemessen werden. Diese Erforschungsmethode wurde von Hans Berger, Professor an der Universität in Jena, erfunden. Im EEG zeigt sich unter anderem, dass es beim Übergang vom Wachzustand in den Schlafzustand zu einer Verlangsamung der Hirnaktivität kommt, die jedoch immer wieder von Phasen der Aktivierung unterbrochen ist.

 

Die AASM (American Acadamy of Sleep Medicine) gibt verschiedene Kriterien an, durch die Schlaf in fünf Stadien (inklusive dem Wachzustand) unterschieden werden kann:

  • Wachzustand
  • Schlafstadium I: Übergang zwischen Wachen und Schlafen; eine Art Dösen
  • Schlafstadium II: stabiler Schlaf
  • Schlafstadium III: Tiefschlaf
  • REM-Schlaf: Traumschlaf oder auch aktiver Schlaf

Der Anteil der verschiedenen Stadien am Gesamtschlaf variiert je nach Alter und Geschlecht des Schläfers. Auch die psychische Befindlichkeit spielt eine Rolle.

 

Das Schlafbedürfnis – etwas Individuelles

Das Schlafbedürfnis eines Menschen ist von verschiedenen Dingen abhängig, unter anderem seiner Tagesaktivität. Je aktiver ein Mensch am Tag ist, umso höher ist sein Bedürfnis nach Erholung am Abend. Jedoch spielt auch das Alter des Einzelnen eine große Rolle.

Wenn wir uns auf Kinder konzentrieren, ist es wichtig, sie darin zu unterstützen, ein Schlafbedürfnis zu entwickeln. Das beste Schlafmittel für Kinder ist körperliche Erschöpfung. Desweitern ist zentral, dass der Schlaf untertags ganz individuell an die Bedürfnisse eines Kindes angepasst wird. Dies bezieht sich vor allem auf den Mittagsschlaf, dessen Dauer immer weiter reduziert werden sollte, bis zu seiner endgültigen Abschaffung.

(Quelle: https://www.welt.de/gesundheit/article153770727/So-viel-Schlaf-braucht-ein-Mensch-wirklich.html)

Durch verschiedene Gesten wie Augenreiben oder auch Gähnen zeigen Kinder wie Erwachsene, dass sie müde sind. Diese Signale müssen ernst genommen werden, um den Kindern auch ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie Müdigkeit sich anfühlt und welche Handlungen dann notwendig sind.

 

Warum ist Schlaf wichtig?

Wie bereits beschrieben, ist Schlafen ein hochphysiologischer Prozess, der den gesamten Organismus betrifft. Schlafen ist daher aus mehreren Gründen wichtig:

  • Körperliche Erholung
  • Gedächtnisleistung
  • Entwicklung des Organismus

 

Welche Herausforderungen bringt der Schlafprozess mit sich?

Neugeborene verändern das Schlafverhalten der gesamten Familie. Dies bleibt auch noch über viele Jahre so bestehen. Es heißt auch, dass Eltern bis zu sechs Jahre nach der Geburt eines Kindes keinen regelmäßigen Schlaf bekommen. Dies geschieht jedoch nicht auf Grund einer bewussten Entscheidung eines Kindes, sondern weil die Qualität des Schlafes von vielen Faktoren abhängig ist.

Babies sind schlechte Schläfer. So sagt Leo Burke: „Leute, die sagen, sie schlafen wie ein Baby, haben gewöhnlich keines.“ Eltern leiden häufig unter diesem Phänomen. Denn sie bekommen nicht genug Erholung. Sie beschäftigen sich dann mit der Frage, ob die Fähigkeit zu schlafen erlernbar ist.

Grundsätzlich muss Kleinkindern Zeit gegeben werden, schlafen zu üben. Sie müssen von ihren Eltern dabei begleitet und unterstützt werden, jedoch in ihren jeweiligen Bedürfnissen auch ernst genommen werden. Es sind vor allem zwei Herausforderungen, mit denen Eltern konfrontiert sind: Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Bei größeren Kindern ist zudem zu beobachten, dass sie vor allem abends beginnen zu grübeln. Auch hier wäre es wichtig, dass Eltern sie unterstützen.

 

Die Wichtigkeit des Abendrituals

Wie können Eltern dafür sorgen, dass ihre Kinder gut einschlafen können?
Dem Abendritual spielt dabei eine große Rolle. So sollte ein Abendessen nicht zu spät angesetzt werden. Danach sollten Dinge wie Zähneputzen, Umziehen, Kuscheltiere suchen, etc. zügig stattfinden. Manche Kinder dürfen vielleicht noch fernsehen. Auch hier bitte nicht zu lange und keine emotional aufwühlende Sendung.

Je nach Alter des Kindes ist die konkrete Einschlafsituation unterschiedlich. Junge Kinder brauchen die körperliche Nähe der Eltern, um Sicherheit zu erleben. Denn es darf nicht vergessen werden, dass Schlafen auch etwas Unheimliches ist. Je älter die Kinder werden, umso kürzer kann diese körperliche Nähe beim Einschlafen sein.

Eltern beschreiben nach dem Einschlafritual immer wieder die Situation, dass Kinder noch rufen oder noch einmal aus dem Zimmer kommen, weil gerade eine „ganz wichtige Frage“ aufgetaucht ist. In solchen Situationen gilt es, klare Regeln aufzustellen und diese dann auch durchzusetzen.

Ein spezielles Thema beim Einschlafen sind sogenannte „Bettgespräche“. Es wird empfohlen, mit den Kindern abends keine zu schweren Gespräche mehr zu führen und vor allem nur positive Dinge zu besprechen. Für die Ruhe im Kind ist es ungünstig, wenn abends noch einmal Situationen besprochen werden, die am Tage vielleicht nicht so gut funktioniert haben oder die am kommenden Tag anstehen.

Das jeweilige Einschlafritual ist so individuell wie jedes Kind und jede Familie selber. Es kann vom Geschichtelesen über Hörbücher hin zu einem kleinen Gebet sein. Es ist alles erlaubt, was dem Kind hilft, zur Ruhe zu kommen.

Zu beachten gibt es auch noch die Schlafumgebung. Für einen ruhigen Schlaf ist es wichtig, dass es im Zimmer keine „Schlafstörer“, wie zum Beispiel Fernseher  gibt. Auch die Luft sollte gut sein. Die Lieblingskuscheltiere sollen ihren Platz im Bett des Kindes haben, ohne dass dieses aber überfüllt ist.

Grundsätzlich gilt: Routinen erleichtern solche Situationen sie schaffen Sicherheit und geben ein gewohntes Gefühl. Dennoch sollten Eltern bei Problemen im Hinterkopf haben, ob es vielleicht gerade eine Ausnahmesituation gibt, die es dem Kind vielleicht erschwert, Sicherheit zu empfinden und zur Ruhe zu kommen.

 

Auf die Bedürfnisse der Kinder achten und reagieren

Neugeborene schlafen keine Nacht durch. Sie wachen immer wieder auf und wollen gefüttert, gewickelt oder einfach nur gehalten werden. Von Anfang an ist wichtig, dass die Bedürfnisse des Kindes ernst genommen und auch gestillt werden.

Es gibt Richtungen, die die Ansicht vertreten, dass Eltern ihre Kinder schreien lassen sollen, sodass sie lernen, sich selber zu beruhigen. Demgegenüber gibt es jedoch auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die genau das Gegenteil belegen, nämlich dass dadurch die Entwicklung des Kindes massiv gestört wird und das Vertrauen zwischen Eltern und Kind beeinträchtigt wird. Grundsätzlich muss hierbei bedacht werden, dass Kleinkinder keine andere Möglichkeit haben, als durch Schreien auszudrücken, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Es ist dann an den Eltern – auch in der Nacht – herauszufinden, was das ist und wie das Kind unterstützt werden kann.

Es ist die Bindungsforschung, die zeigt, wie wichtig es für die Entwicklung von Kindern ist, zu erleben, dass sie gehört werden und dass ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Kinder müssen Sicherheit erleben. Dann gelingt es ihnen mit der Zeit auch, sich in der Nacht selbst zu beruhigen und ohne Hilfe einzuschlafen.

 

Dennoch stellt sich für manche Eltern immer wieder folgende Frage:

 

Zusammenfassung

Schlafen ist ein zentraler Bestandteil unseres Lebens und ein äußerst komplizierter physiologischer Prozess. Wir verbringen viele Stunden in diesem Zustand, der auch unsere Befindlichkeit im Wachzustand beeinflusst. Für jeden Menschen ist es wichtig, zur Ruhe zu kommen. Physiologisch gesehen vermindert sich beim Übergang in den Schlafzustand die Gehirnaktivität. Das kann allerdings nur dann gelingen, wenn für das menschliche Gehirn keine wichtigen Aufgaben anstehen, die nicht bis zum nächsten Morgen warten können.

Eltern von Kleinkindern sind von der Schlafqualität ihrer Kinder abhängig, denn diese bestimmt auch die eigene Schlafzeit. Es ist daher auch im Sinne der Eltern, von Beginn an – trotz eigener Müdigkeit – Zeit und Energie in ein Abendritual und in die Einschlafphase ihres Kindes zu investieren. Eine gewohnte Umgebung und klare und nachvollziehbare Rituale erleichtern Kindern das Loslassen und damit den Übergang vom Wach- in den Schlafzustand.

 

Literatur

Renz-Polster H. & Imlau N. (2016). Schlaf gut, Baby!: Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten. Gräfe und Unzer Verlag GmbH.

Pantley E. (2009). Schlafen statt schreien: Das liebevolle Einschlafbuch: Das 10-Schritte-Programm für ruhige Nächste. Stuttgart: Trias.

Sears W. (2010). Schlafen und Wachen: Ein Elternbuch für Kindernächte. La Leche League Schweiz

Kast-Zahn A. (2013). Jedes Kind kann schlafen lernen. Gräfe und Unzer Verlag GmbH.

Lüpold, S. (2014). Ich will bei euch schlafen! Verlag Herder GmbH.

Zur Brügge AK. & Rachner M. (2013). Wie kleine Tiere schlafen gehen. Oetinger.

Spang M. & Bougeava S. (2018). Das große Gähnen. Beltz & Gelberg.

Cuno S. (2015). Wenn im Dunklen Sternlein funkeln. Coppenrath.

Loebe M. & Opgenoorth W. (2018). Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel. Jungbrunnen.

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Dr. Veronika Burtscher-Kiene
Dr. Veronika Burtscher-Kiene ist Klinische- und Gesundheitspsychologin und Notfallpsychologin, Beraterin im Ehe- und Familienzentrum sowie bei Gigagampfa© und Referentin in der Katholischen Elternbildung in Vorarlberg. Erfahrungen und Expertise teilt die zweifache Mama außerdem auf ihrem erfolgreichen Blog www.erziehungsgedanken.com
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